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Harro Dietrich Kähler
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften

Barrieren der Selbstevaluation — und wie man sie umgehen, überwinden oder schleifen kann

Barriere "Zu starke Ergebnisorientierung"

Befragt man Fachkräfte der Sozialen Arbeit nach typischen Beispielen für Erfolg und Misserfolg und kategorisiert die benannten Situationen nach den verwandten Bewertungsmaßstäben, kommt man zu einem interessanten Ergebnis: "In den spontanen Äußerungen über Erfolg und Misserfolg rekurrieren Sozialarbeiter/-innen und Sozialpädagogen in erster Linie zunächst auf die Fallebene und machen Erfolge an den erreichten Verbesserungen der Lebenslagen der Klienten fest." (Herriger/Kähler 2001, 296, vgl. zu subjektiven Erfolgskriterien von Fachkräften Herriger/Kähler 2003). Dies liegt nicht etwa daran, dass den Fachkräften Prozess- und Strukturorientierung unbekannt wären. Fragt man explizit unter diesen Gesichtspunkten nach Erfolgs- und Misserfolgserfahrungen, gibt es eine Vielzahl von interessanten Antworten. Nur eben beim spontanen Äußern über Erfolge und Misserfolge überwiegt deutlich eine Orientierung an erreichten Ergebnissen auf der Fallebene. Hier könnte demnach eine gewichtige Barriere für das Interesse an Selbstevaluation vorliegen: Immer dann, wenn nachweisbare Verbesserungen auf KlientInnenebene nicht unbedingt zu erwarten sind — und dies dürfte für viele Arbeitsfelder der Sozialen Arbeit zutreffen — sind Überprüfungen des eigenen beruflichen Handelns wenig attraktiv, solange Erfolge subjektiv an erreichten Ergebnissen festgemacht werden.
Abbauen ließe sich diese Barriere, indem im Sinne eines bewusst vorgenommenen Reframing verstärkt andere Gesichtspunkte als die Erfolgsbestimmung über erreichte Änderungen bei KlientInnen ins Auge gefasst werden. Gerade in der Jugendhilfe ist eine derartige Umorientierung notwendig: "Jugendhilfe kann ein Angebot zum potentiellen Erreichen von Zielen machen. Insofern werden Ergebnisse als Prozesse und damit als veränderlich beschrieben. Keine Einrichtung kann versprechen, daß alle ihre untergebrachten Kinder und Jugendlichen einen Schulabschluß erlangen oder eine Berufsausbildung abschließen. Jede Einrichtung kann aber dafür Sorge tragen, daß über vorgegebene Strukturen und ein intensives Angebot jedes Kind/jede(r) Jugendliche angeregt wird, ein derartiges Ziel zu erreichen." (Lemme, Ochs 1998, 162). Konkret heißt deshalb die Empfehlung: "Primäre Beachtung von Struktur- und Prozeßqualität gegenüber Ergebnisqualität" (ebd.) Eine derartige Aufmerksamkeitsverschiebung erleichtert und fördert das Interesse an Selbstevaluation erheblich. Auch die Fixierung der Erfolgsbestimmung ausschließlich auf die KlientInnengruppe sollte zugunsten anderer Zielgruppen (z. B. Qualität der Beziehung zu Kooperationspartnern) aufgelöst werden (vgl. hierzu Kähler 1999b).
In Verbindung mit der Ergebnisorientierung ist ein anderes Argument von Interesse, das — für sich genommen durchaus zutreffend — auf das Interesse an Selbstevaluation abschreckend wirken dürfte: die Einsicht, dass die erreichten Ergebnisse vieler sozialpädagogischer Interventionen erst langfristig bemerkbar sind. Dies gilt beispielsweise für viele Präventionsprogramme und Maßnahmen im Vorschul- und Grundschulalter. Wie sollte unter dem Blickwinkel der Ergebnisorientierung (selbst-)evaluiert werden, wenn die entscheidenden Ergebnisse, die wirklich interessant sind, erst Jahre später sichtbar werden, wenn keine Verbindung mehr zu den inzwischen erwachsen gewordenen Personen besteht?
König (in diesem Heft) plädiert in diesem Zusammenhang für ein längsschnittorientiertes Vorgehen im Sinne einer begleitenden Dokumentation der Prozesse. Häufig haben die Fachkräfte aber eben gar keinen Zugang mehr zu den Kindern und Jugendlichen, wenn sich die erhofften Wirkungen bemerkbar machen können. Insofern lassen sich derartige Ergebnisse von Präventionsprogrammen wahrscheinlich nur über externe Evaluationsprojekte sinnvoll erforschen. Was bleibt, ist  — wie schon oben im Hinblick auf die Fixierung auf die Ergebnisse als einziger Möglichkeit des Qualitätsnachweises — die Möglichkeit, verstärkt die Prozesse und Strukturen des pädagogischen Präventionshandelns selbst zu evaluieren. Das ist das Beste, was Fachkräfte leisten können, weil auch hier gilt, dass das Ergebnis der Interventionen von zahlreichen anderen Faktoren, nicht zuletzt von den autonomen Entscheidungen der beteiligten Individuen, abhängt. Selbstevaluation macht also auch hier Sinn, wenn sie sich auf das Machbare konzentriert und sich von der Fixierung auf nicht untersuchbare Fernergebnisse löst.

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