Harro Dietrich Kähler
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Barrieren der Selbstevaluation — und wie man sie umgehen, überwinden oder schleifen kann
Barriere "Fehlende Vergleichsmaßstäbe"
Gerade dann, wenn Fachkräfte ihre methodische Arbeit durch Selbstevaluation optimieren wollen, stellt die Subjektivität eine besondere Gefährdung der Ergebnisse und Schlussfolgerungen dar, da Evaluationssubjekt und Evaluationsobjekt zusammenfallen: "Wir tendieren dazu, unsere Aufmerksamkeit darauf zu lenken, was wir sehen wollen." (Radnitzky/Schratz 1999, 19). Mangelnde Objektivität stellt damit eine der größten Barrieren für solide Selbstevaluations-Projekte dar. Nur wenn es gelingt, die potenziell verzerrenden Effekte subjektiver Wahrnehmung unter Kontrolle zu bekommen, besteht Aussicht darauf, dass die Ergebnisse von Selbstevaluations-Projekten wirklich hilfreiche Anregungen für die Optimierung der beruflichen Arbeit bieten. Aus der Literatur kann hierzu eine Reihe von Vorschlägen zusammengestellt werden, wobei Verfahren, die eher im Rahmen der Qualitätssicherung eine Rolle spielen, wie z. B. das Benchmarking hier nicht weiter berücksichtigt werden.
- Grundsätzlich sind alle Orientierungen an explizit formulierten Bewertungskriterien außerhalb und unabhängig von der sich selbst evaluierenden Fachkraft hilfreich zur Vermeidung subjektiver Fehleinschätzungen. Schon dadurch, dass die Fachkraft die heranzuziehenden Bewertungsmaßstäbe selbst schriftlich festlegt und damit transparent macht, vermeidet sie subjektive Verzerrungen. Gute Dienste können aber auch Konzeptionen oder Leitbilder von Einrichtungen, rechtliche Normen, aus der Fachliteratur abgeleitete Standards oder explizit formulierte Erwartungen bestimmter Personengruppen leisten (König 2000, 81). Besonders hilfreich erweisen sich Kataloge von Qualitätskriterien, die — detailliert auf ein Arbeitsfeld bezogen — Anforderungen an Fachkräfte auflisten. Ein derartiger Katalog liegt für den Bereich der Aufgaben des Jugendamtes z. B. im Dormagener Qualitätskatalog der Jugendhilfe (Stadt Dormagen 2001) vor.
- Formen von kollegialer Begleitung können auch in diesem Zusammenhang dazu beitragen, dass die Gefahr subjektiver Bewertung besser kontrolliert werden kann (vgl. z. B. Meinhold 31998, 48). Andere AutorInnen verweisen auf das Hinzuziehen eines kritischen Freundes als Begleiter: " Das Konzept des 'critical friend' (vgl. MacBeath 1998) ist eine bewährte Form, eine kritische Außensicht zur Ausleuchtung der 'blinden Flecken', aber auch eine unparteiische Position als Unterstützung bei inneren Schwierigkeiten zur Verfügung zu haben." (Radnitzky, Schratz 1999, 19).
- Passungsanalysen: Die Qualität beruflichen Handelns kann durch geeignete Passungsfragen bewertet werden. Hierbei wird immer "ein Vergleich zwischen zwei Komponenten angestrebt: die Voraussetzungen bestimmter Zielgruppen (oder bestimmter Zielpersonen), mit denen Sozialarbeiter/innen berufsbedingt zu tun haben, werden verglichen mit dem, was für diese Zielgruppe von einem sozialen Dienst (oder einzelnen Vertretern) geplant und/oder realisiert wird. Durch einen derartigen Vergleich wird das festgestellte Ausmaß der Passung von Voraussetzungen und Angebotsstrukturen zum Merkmal, an Hand dessen die Qualität beruflicher Arbeit evaluiert wird." (Kähler 1999a, 94). Auf diese Weise können Fehlpassungen im Sinne von Unternutzung, Übernutzung und Fehlnutzung, primäre und sekundäre Fehlplatzierungen, aber natürlich auch erreichte Passungen ermittelt werden.
- "Selbstreferentielle Vergleiche" (vgl. König 2000, 87). Damit ist die Möglichkeit angesprochen, Auswirkungen von Interventionen am Ausgangspunkt der Klienten festzumachen und nicht von Außen Bewertungsmaßstäbe anzulegen. "Erfolgskriterien sind retrospektiv zu definieren, nicht prospektiv. Was zählt, ist der zurückgelegte Weg, die Entfernung vom Ausgangspunkt, nicht der Abstand zum Ziel. Dieser retrospektive Bezug schließt Deutungen und Bewertungen aller Betroffenen mit ein. (...) Der Maßstab des Erfolgs ist daher nur selbstreferentiell als Fortschritt des Klienten im Rahmen seiner Biographie zu definieren." (vgl. Heiner 1988, 93f; vgl. zur Perspektive der "rückblickenden Vorhersage" auch Kähler 1987 sowie zur Möglichkeiten von Vergleichen auf der Zeitachse bei Erstgesprächen Kähler 42001, 159f).
Buchtipp
Joachim König: Einführung in die Selbstevaluation. Ein Leitfaden zur Bewertung der Praxis Sozialer Arbeit.
Lambertus Verlag (Freiburg) 2., neu überarb.
Aufl.
2007. 196 Seiten. ISBN 3-7841-1780-5. 17,0 EUR, CH: 30,70 SFr.

