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Joachim König
Evangelische Fachhochschule Nürnberg

Ein Praxisleitfaden zur Selbstevaluation in der Jugendhilfe

Begriffsbestimmung

Generell werden Evaluationsvorhaben zum einen im Hinblick auf die Herkunft der bewertenden AkteurInnen unterschieden: Externe Evaluation als Bewertung von außen (außerhalb der Organisation) wird von interner Evaluation unterschieden, mit der eine Einrichtung selbst versucht, sich insgesamt oder in Teilbereichen einer Bewertung zu unterziehen.
Interne Evaluation wiederum lässt sich zum anderen unterscheiden im Hinblick auf den zu bewertenden Gegenstand: Handelt es sich um die jeweils eigene alltägliche berufliche Arbeit der EvaluatorInnen, so ist von Selbstevaluation die Rede. Wird hingegen das berufliche Handeln anderer Fachkräfte untersucht, so kann dies als Fremdevaluation bezeichnet werden. Externe Evaluation ist dieser Logik zufolge also immer Fremdevaluation.


Grafik Praxisleitfaden
 

Selbstevaluation kann demzufolge — und damit will sich dieser Beitrag im engen Sinne befassen — definiert werden als die Beschreibung und die Bewertung von (genau definierten) Ausschnitten des eigenen beruflichen Alltagshandelns und seiner Auswirkungen nach bestimmten Kriterien.So verstanden kann Selbstevaluation zu einem Bestandteil methodischen Handelns auch in der Sozialen Arbeit mit  Jugendlichen werden. Sie soll zunächst durch drei zentrale Grundgedanken gekennzeichnet werden, die ihre Eigenart zum Ausdruck bringen — vor allem gegenüber der klassischen Methodologie der psychologischen Evaluationsforschung (vgl. z. B. Thierau/Wottawa 1990) und der empirischen Sozialforschung (vgl. z. B. Atteslander 1995):
Arbeitsfeld- und Lebensweltorientierung statt Grundlagenorientierung: Es geht bei Selbstevaluationen nie um die Erforschung von grundsätzlichen Sachverhalten. Die spezielle Praxis vor Ort ist gleichzeitig Ausgangspunkt (Quelle von Gegenstand und Fragestellung der Evaluation) und "Rückbezugspunkt": Vorrangiges Ziel von Selbstevaluation ist es, die Ergebnisse für die Praxis möglichst gewinnbringend anzuwenden und fruchtbar zu machen, aus der heraus sie entstanden sind. Selbstevaluation sollte deshalb nicht in "künstlichen Situationen" mit Laborcharakter, sondern immer in der alltäglichen Lebens- und Arbeitswelt der KlientInnen und der mit ihnen Befassten stattfinden. Die Sammlung von Daten in "wissenschaftlichen" Situationen mit experimentellem Charakter führt außerdem oft zu sogenannten "Versuchsleitereffekten", d. h. zu erheblichen Verzerrungen und Verfälschungen der Ergebnisse (mangelnde Validität), und macht sie so für die Praxis unbrauchbar.
Prozessorientierung statt Output-Orientierung: Der Langfristigkeit von Veränderungen und Entwicklungen gerade im Bereich der Sozialen Arbeit kann im Rahmen von Selbstevaluationsvorhaben nur ein sogenanntes längsschnittorientiertes Vorgehen gerecht werden: Nur das begleitende Dokumentieren von Prozessen kann die Differenziertheit und Komplexität entlang der Zeitachse abbilden. Eine rein querschnittsorientierte Output-Kontrolle greift — auch wenn sie immer wieder gefordert wird und partiell durchaus ihre Existenzberechtigung hat — deshalb in vielen Fällen zu kurz, weil sich "Momentaufnahmen" nicht zureichend zur Klärung, letztlich zur Erklärung beobachteter Phänomene eignen.
Selbstorganisation statt ExpertInnendominanz: "PraktikerInnen sind ForscherInnen in eigener Sache" (Heiner 1988). Aufgrund der Tatsache, dass Fragestellungen von Selbstevaluation in der Praxis entstehen und Ergebnisse auf diese Praxis zurückbezogen werden, entsteht eine für Selbstevaluation typische Rollenverteilung, bei der sich WissenschaftlerInnen nur als beratende und begleitende ExpertInnen im Hinblick auf die Methodologie verstehen. Ziel der Kooperation mit PraktikerInnen ist es, sie zur selbstbestimmten Gestaltung ihres Forschungsprozesses zu befähigen und auch deshalb den gemeinsamen Versuch zu unternehmen, die Methoden für alle Beteiligten verständlich, nachvollziehbar und nicht zuletzt im Alltagsgeschäft handhabbar zu gestalten.
Insgesamt hat die Intensität der Diskussion auf der fachlichen, der theoretischen und vor allem auf der ökonomischen Ebene deutlich gemacht, dass es sinnvoll ist, für die sehr vielseitigen und komplexen Arbeitsfelder und Problemstellungen der Sozialen Arbeit je eigene, spezifische Evaluationsansätze aus der jeweiligen Praxis heraus zu entwickeln. Versucht man sich einen Überblick über die Vielfalt solcher inzwischen entstandenen Selbstevaluationsansätze zu verschaffen (vgl. Heiner 1996), so wird eine enorme Variationsbreite deutlich, in erster Linie im Hinblick auf die methodische Elaboriertheit der Ansätze, die Breite der Gegenstände der Evaluation, die Komplexität der Fragestellungen, die Art und die Genese der Kriterien, die den jeweiligen Bewertungsprozessen zugrunde liegen, und die Ziele, die die jeweiligen Fachkräfte mit ihren Evaluationsvorhaben verfolgen. Daher kann es der Jugendhilfe m. E. nur angeraten sein, mit großem Selbstbewusstsein — bezogen auf die detaillierten Kenntnis der eigenen Praxis — arbeitsfeldspezifische Evaluationskonzepte selbst zu entwickeln und zu erproben. Wenn sich dabei im Rahmen wissenschaftlicher Beratung und Begleitung solcher Vorhaben — etwa durch Fachhochschulen — ein neuer und intensiverer Dialog zwischen Forschung, Lehre, Fortbildung und Praxis entwickelt, so wird dies übrigens nicht nur die Selbstevaluationsprojekte bereichern, sondern zusätzliche längst fällige Synergieeffekte erbringen, die im Interesse aller Beteiligten sind.

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