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Harro Dietrich Kähler
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften

Barrieren der Selbstevaluation [1] — und wie man sie umgehen, überwinden oder schleifen kann

Übersicht


Es gibt viele Argumente für Selbstevaluationen. Es gibt gut eingeführte und anregende Handreichungen für die Durchführung von Selbstevaluation. Trotzdem ist ungewiss, ob Selbstevaluationen tatsächlich ein Routineteil methodischen Arbeitens geworden sind oder doch eher im Zusammenhang mit Qualitätssicherung nur sporadisch eingesetzt werden. Viele Anzeichen sprechen dafür, dass es nicht unerhebliche Barrieren für Selbstevaluation gibt. Um welche Barrieren handelt es sich? Und wie lassen sich derartige Barrieren umgehen, überwinden oder schleifen?[2]

Selbstevaluation — Qualitätssicherung und/oder Arbeitshilfe für methodisches Arbeiten?

Qualitätssicherung und Qualitätsmanagement in der Sozialen Arbeit (Meinhold ³1998) sind zentrale Herausforderungen in Zeiten radikaler Umbrüche des Sozialstaats. Verfahren aus der Betriebswirtschaft wie Balanced Scorecard halten Einzug in die Sozialwirtschaft, eine Fülle unterschiedlicher Ansätze wird zur Diskussion gestellt oder auch angewandt (vgl. Boeßenecker u. a. 2003). Als eine unter diesen vielfältigen Möglichkeiten der Qualitätssicherung und des Qualitätsmanagements wird auch regelmäßig die Evaluation genannt (z. B. König 2000, 33). Gerade für den Bereich der Kinder- und Jugendhilfe liegen interessante Beispiele für Anstrengungen der Qualitätssicherung auch mit evaluativen Elementen vor (z. B. Macscenaere/Knab 2004, Spiegel 2000). In diesen Kontext gehören Vorschläge zur vermehrten Anwendung einer besonderen Form der Evaluation, der Selbstevaluation. Sie erscheint hier als spezielle Form von Qualitätssicherung. Wie die Supervision und Organisationsberatung wird (Selbst-)Evaluation von ExpertInnen an die Fachkräfte der Sozialen Arbeit herangetragen. "Gemeinsam ist allen, daß überwiegend die Fachkräfte als Vehikel angestrebter Veränderungen gelten, und daß diese daher in hohem Maße zu Objekten von Qualifizierungsbemühungen werden." (Spiegel 1993, 8).
Andererseits gibt es aber eine hiervon sich deutlich unterscheidende Funktionsbestimmung der Selbstevaluation, die es Ernst meint mit der Vorstellung, dass die Fachkräfte selbst die Subjekte der Qualitätsverbesserung darstellen. Danach ist Selbstevaluation weniger im Kontext der Qualitätssicherung angesiedelt, als vielmehr "Bestandteil methodischen Arbeitens". Besonders deutlich wird dies, wenn Spiegel Selbstevaluation als "Arbeitshilfe für das methodische Handeln" vorstellt (Spiegel 1994). Methodisches Arbeiten kann nach diesem Verständnis ohne selbstevaluative Elemente als besonderer Form beruflicher Reflexion nicht gelingen. Bei dem vorgestellten Gegensatz handelt es sich nun nicht um eine trennscharfe oder gar dichotome Unterscheidung. Vielmehr kann man sich konkrete Selbstevaluationsprojekte an unterschiedlichen Plätzen eines Kontinuums vorstellen (vgl. Abb. 1).

Abbildung 1: Funktionen von Selbstevaluation (SE)

Abb. Funktionen der Selbstevaluation
 

Bei Selbstevaluationsprojekten, die als Teil von Qualitätssicherungsmaßnahmen von oben gestaltet werden, kann es leicht zu einer internen Evaluation unter dem Etikett von Selbstevaluation kommen, solange die MitarbeiterInnen nicht wirklich motiviert und befähigt sind, sich auf ein derartiges Projekt einzulassen. Immer dann, wenn eine Verknüpfung mit externer Qualitätsüberprüfung besteht oder vermutet wird, muss damit gerechnet werden, dass sich Widerstand regt. Denn hier wird einem wichtigen Merkmal von Selbstevaluation deutlich zuwidergehandelt: "Die Kontrolle über Planung, Durchführung und Nutzung der Evaluation liegt bei den evaluierenden Fachkräften und erfolgt freiwillig." (Beywl/Bestvater 1998, 39).
Wo Selbstevaluation draufsteht,  muss also nicht unbedingt Selbstevaluation im Sinne selbstbestimmter und eigeninitiierter Evaluation drin sein — es könnte sich auch um erzwungene Formen von Selbstevaluationen handeln, die eher den Charakter von internen oder externen Evaluationen haben. Allerdings gilt genauso: auch wenn Selbstevaluation durch die Qualitätssicherungsdiskussion von oben veranlasst wurde, kann sie zu wichtigen Resultaten führen, wenn es gelingt, die MitarbeiterInnen innerlich von der Wichtigkeit zu überzeugen und sie zu Subjekten des Evaluationsprozesses zu machen. Umgekehrt tragen Selbstevaluationsprojekte, die eher den Charakter von Arbeitshilfen für methodisches Arbeiten haben, ebenfalls zur Qualitätsverbesserung bei.

Der Eindruck, dass Selbstevaluation im Sinn einer Arbeitshilfe für methodisches Arbeiten seltener praktiziert zu werden scheint, könnte dadurch entstehen, dass über derartige Selbstevaluationsprojekte seltener berichtet wird. Für wahrscheinlicher halte ich aber, dass diese Form von Selbstevaluation nach wie vor tatsächlich eher selten praktiziert wird, weil eine Vielzahl von Barrieren ihrer Verwirklichung im Wege steht. Um sie geht es in diesem Aufsatz, das heißt um die Fragen: Was hindert einzelne Fachkräfte oder Teams daran, ihr eigenes methodisches Handeln über Selbstevaluationsprojekte zu optimieren? Und wie können die Voraussetzungen geschaffen werden, um diese Form von Selbstevaluation in Zukunft zu einer Routineangelegenheit alltäglicher beruflicher Tätigkeit werden zu lassen?

Fußnoten

[1] Eine Printversion dieses Aufsatzes ist in der Zeitschrift Unsere Jugend 58 (1), 2006, 3-12 veröffentlicht.

[2] Für Verbesserungsvorschläge einer früheren Version des Manuskripts danke ich Nicole Cramer und meinem Kollegen Walter Wangler (beide Düsseldorf).

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