Harro Dietrich Kähler
Fachhochschule Düsseldorf, Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
Selbstevaluation - erstes Verständnis - Voraussetzungen - Chancen
Übersicht
- Ein erstes Verständnis von Selbstevaluation
- Besonderheiten des Erfolgsnachweises in der Sozialen Arbeit
- Interne Voraussetzungen für erfolgreiche Selbstevaluationen
- Attraktivität von Selbstevaluationen: wozu die ganze Mühe?
- Literatur
1. Ein erstes Verständnis von Selbstevaluation
Im alltäglichen Sprachgebrauch wird unter Evaluation verstanden,
dass irgendetwas von irgendjemandem in irgendeiner Weise nach irgendwelchen
Kriterien bewertet wird. Dass dieses Verständnis für wissenschaftliche
oder fachliche Zwecke nicht ausreichen kann, leuchtet unmittelbar ein, denn
mit dieser Definition wäre jegliche bewertende Äußerung
von der Art "Die Maßnahme XY ist super gelaufen" schon als
Evaluation zu interpretieren. Im wissenschaftlich-fachlichen Kontext kann
man von einer Evaluation erst dann sprechen, wenn "Programme, Maßnahmen,
Organisationen etc. durch Personen, die zur Bewertung besonders befähigt
sind, in einem objektivierten Verfahren nach explizit auf den Sachverhalt
bezogenen und begründeten Kriterien (und ggf. Standards) bewertet (werden)" (Kromrey 2001:
108).
Dabei kann Evaluation als eine Maßnahme der Qualitätssicherung,
die wiederum als eine Ausprägung des Qualitätsmanagements in Sozialen
Organisationen begriffen werden (nach König 2000:
33):

Evaluation ist "eine besondere Art der wissenschaftlichen Begleitung von Praxis" (König 2000: 34), bei der es um die systematische Sammlung von Informationen, deren Analyse und Interpretation geht. Ziel ist es, die Qualität bestimmter Aspekte der Praxis zu bewerten, um die ermittelte Qualität entweder bestätigen zu können oder aber Hinweise auf Änderungsnotwendigkeiten und -möglichkeiten zu erhalten - allein die Beschäftigung mit Selbstevaluation verspricht aber Gewinne (vgl. Abschnitt 4).
Wichtig ist - neben einer Vielzahl weiterer möglicher Unterscheidungen - die Abgrenzung zwischen interner und externer Evaluation und zwischen Selbst- und Fremdevaluation. Die folgende modifizierte Übersicht aus König (2000: 37) kann dies veranschaulichen:

Die Unterscheidung zwischen interner und externer Evaluation bezieht sich auf die Stellung der Evaluatoren: kommen diese aus der Einrichtung selbst, handelt es sich um eine interne Evaluation, kommen diese von Außen, spricht man von einer externen Evaluation. Die zweite Unterscheidungsebene bezieht sich auf die Gegenstände der Evaluation: sind die Evaluatoren selbst Gegenstand der Evaluation, handelt es sich um eine Selbstevaluation, im anderen Fall um eine interne oder externe Fremdevaluation. (vgl. hierzu König 2000: 36/37). Eine stellvertretende Selbstevaluation liegt z.B. dann vor, wenn Seminarteilnehmer für einen Sozialarbeiter in einem Sozialen Dienst - wenn möglich in Kooperation mit ihm - eine Selbstevaluation planen und durchführen.
Auf dieser Basis kann Selbstevaluation in folgender Definition vorgestellt
werden: "Selbstevaluation meint die Beschreibung und Bewertung
von Ausschnitten des eigenen alltäglichen beruflichen Handelns und
seiner Auswirkungen nach selbst bestimmten Kriterien." (König 2000:
38)
Auf der Grundlage dieser Definition, in Verbindung mit anderen Quellen (Meinhold 3/1998), Beywl,
Bestvater 1998) lassen sich nun als erste Annäherung an die Besonderheiten
der Selbstevaluation folgende Merkmale festhalten:
- Im Hinblick auf die berufliche Belastung der Mitarbeiter in Sozialen Diensten ist besonders wichtig festzuhalten, dass "nur" ausgewählte Teilbereiche der beruflichen Praxis dokumentiert und bewertet werden sollen. Dies hat zum Hintergrund, dass Selbstevaluation nur praktikabel ist, wenn sie in die Alltagsroutine des alltäglichen Berufslebens integriert werden kann. "Die Evaluationstätigkeit ist in den normalen Arbeitsprozess integrierbar (schlank, knapp, fachlich)" (Beywl, Bestvater 1998: 39). An anderer Stelle wird noch darauf einzugehen sein, dass dies um so eher möglich ist, je stärker diese berufliche Praxis methodisch und fachlich organisiert und ausgerichtet ist, ja, dass methodisches Handeln und Selbstevaluation als zwei Seiten einer Medaille angesehen werden können. ("In der Übungsphase braucht man sicher zusätzliche Zeit. Mit zunehmender Übung kann erreicht werden, dass wichtige Vorhaben des praktischen Handelns von vornherein so angelegt sind, dass ihr Verlauf und/oder ihre Auswirkungen ... 'automatisch' gemessen werden und damit 'en passant' eine sichere Beurteilungsbasis entsteht." Beywl, Bestvater 1998: 40)
- Selbstevaluation ist "bescheidener" als Qualitätssicherung: sie ist weniger umfassend, weniger kontinuierlich. Sie ist aber auch "unbescheiden", weil sie Aspekte des Qualitätsmanagements, der Qualitätssicherung und der Evaluation einbringt. In der folgenden Übersicht von König (2000: 51) kommt sehr schön zum Ausdruck, dass Selbstevaluation als eine fachliche Bemühung aufgefasst werden kann, von unten nach oben Beiträge zur Qualitätsverbesserung zu leisten:
- Die Kontrolle über Planung, Durchführung
und Nutzung der Evaluation liegt bei den
evaluierenden
Fachkräften und erfolgt freiwillig (Beywl,
Bestvater 1998: 39). Die "praxisgestaltenden Fachleute
sind identisch mit den EvaluatorInnen. D.h. die Akteure überprüfen
ihre eigene Tätigkeit." (Müller-Kohlenberg,
Beywl 2002: 1). Dies ist einer der größten
Vorteile gegenüber der externen Evaluation (vgl. Kähler 1999:
93/94). Zugleich birgt die Identität von EvaluatorInnen
und Evaluierten auch besondere Gefahren für die Qualität
der Evaluation. - Es werden systematisch Informationen gesammelt und ausgewertet. Die Ergebnisse haben Konsequenzen. Im Hinblick auf diesen wichtigen Gesichtspunkt müssen die Fragestellungen von vornherein auf die gegebenenfalls abzuleitenden Schlussfolgerungen hin formuliert sein. Selbstevaluationen, deren Ergebnisse keine Konsequenzen haben, verfehlen ihren Sinn.
- Bedingungen, Prozesse und Ergebnisse werden schriftlich festgehalten.
- Selbstevaluationen werden so angelegt, dass Berichte entstehen, die für relevante Andere zugänglich sind.
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