Grundlagen

Selbstevaluation ist ein methodischer Ansatz, bei dem der Gegenstand der Evaluation das eigene professionelle Handeln und dessen Resultate sind (interne Evaluation) und bei dem darüber hinaus diejenigen, die Programm oder Maßnahmen durchführen – die „Praktikerinnen und Praktiker" –, selbst auch die Evaluatorinnen und Evaluatoren dieser Programme oder Maßnahmen sind. Die praxisgestaltenden Akteure sind also mit den evaluierenden Akteuren identisch. Sie selbst bestimmen die Evaluationsziele, die Fragestellungen, das Design und die Durchführung der Evaluation sowie die Verwendung der Evaluationsergebnisse („ownership", vgl. Fetterman & Wandersman 20051).

Ziele der Selbstevaluation

In der Regel – aber nicht notwendigerweise – ist das Ziel einer Selbstevaluation weniger die abschließende Bewertung oder Überprüfung einer Arbeit, eines Programms oder einer Maßnahme (summative Evaluation), sondern besteht darin, eine andauernde Arbeit oder ein laufendes Programm oder eine Maßnahme möglichst unmittelbar zu verbessern oder eventuell zu korrigieren (formative Evaluation).

Selbstevaluation als individuelles oder als organisationales Verfahren

Selbstevaluation kann sich auf eine individuelle oder auf eine organisationale Ebene beziehen. Wenn sich einzelne Personen selbst evaluieren, erstreckt sich dies in der Regel auf ihren individuellen Arbeits- oder Lernprozess (vgl. beispielsweise den auf die Tradition des erfahrungsbasierten Lernens von John Dewey zurückgehende Experiential Learning Cycle von David Kolb 19842). In dieser Form gehört Selbstevaluation besonders an US-amerikanischen Universitäten zum Standardrepertoire der Didaktik und ist ein Element einer Lernmethode. In Deutschland weisen besonders einige Verfahren der formativen Kompetenzerfassung (vgl. Preißer 20073) strukturelle Ähnlichkeiten zur individuellen Selbstevaluation auf.

Bekannter ist Selbstevaluation hierzulande als ein Verfahren, mit dem eine Maßnahme, ein Programm oder die gesamte Organisation(seinheit) evaluiert wird. In Deutschland wurde dieser organisatonsbezogene Ansatz der Selbstevaluation seit den 1980er Jahren stark durch Arbeiten über die Theorie und Methodik der sozialen Arbeit (vgl. Maja Heiner, Joachim König, Hiltrud von Spiegel) – als eine Form der „Selbstvergewisserung der Fachkräfte" (von Spiegel4) – beeinflusst. Seit den 1990er Jahren ist Selbstevaluation auch immer stärker im Bildungsbereich, insbesondere im schulischen Bereich, und seit einiger Zeit auch im Hochschulbereich verbreitet.

Vorteile und Beschränkungen der Selbstevaluation

Die Vorteile von Selbstevaluation gegenüber Evaluationsverfahren, die von externen Fachleuten durchgeführt werden, liegen darin, dass die Evaluatorinnen und Evaluatoren aufgrund ihrer Identität als professionell Handelnde zugleich die Expertinnen und Experten des Evaluationsgegenstandes sind und deshalb über ein intimes und detailliertes Feld- und Prozesswissen über den Gegenstand der Evaluation verfügen. Diese Nähe ist andererseits jedoch auch mit methodologischen Problemen verbunden und birgt die Gefahr der Betriebsblindheit. Auch ist Selbstevaluation häufig eng auf die speziellen Gegebenheiten des jeweiligen Arbeitsbereichs zugeschnitten und ihre Resultate sind kaum übertragbar. Aufgrund ihres Selbstbestimmungscharakters sind Selbstevaluationsverfahren darüber hinaus mit einer hohen Motivation und daraus folgenden Aktivitätsbereitschaft der Beteiligten verbunden. Aus dem gleichen Grund führen sie schließlich in der Regel auch zu einer höheren Identifikation mit den Evalutionsergebnissen, da die Bewertungen und Schlussfolgerungen dann als valide gelten, wenn sie von den Evaluatorinnen und Evaluatoren in einem dialogischen Prozess als adäquat beurteilt werden (kommunikative Validierung). Daraus resultiert wiederum eine höhere Bereitschaft, Handlungskonsequenzen aus den Ergebnissen zu ziehen.

Methodologische Grundlagen der Selbstevaluation

Analytisch kann man eine forschungsorientierte von einer eher praxisorientierten Selbstevaluation unterscheiden. Obwohl Selbstevaluation wie andere Verfahren der Evaluation die einschlägigen Standards empirischer Sozialforschung beachten muss und daher entsprechende methodische Fachkenntnisse und Übung erfordert, ist eine allzu strikte Orientierung an diesen Standards in der Praxis eher hinderlich.

Selbstevaluation ist methodologisch angesiedelt zwischen den - teilweise konträren - Anforderungen der Wissenschaft und der Praxis. Dies betrifft vor allem die Anforderungen an die Theoriebezogenheit der Konstrukte und die Objektivität der Messinstrumente, die in der Praxis durch die Integration vieler verschiedener Akteurinnen und Akteure sowie die Berücksichtigung der jeweiligen Organisationskultur konterkariert wird. Es betrifft ferner die Forderung nach Validität und Reliabilität, der die Notwendigkeit zu hoher Flexibilität und „Passgenauigkeit" der Messinstrumente sowie einem aufwendungsarmen und ressourcensparenden Vorgehen entgegenstehen. Die bei der Selbstevaluation eingesetzten Verfahren und Instrumente der Datenerhebung und -auswertung müssen in ihrer Entwicklung, Anwendung und Auswertung mit wenig Aufwand durchführbar sein sowie möglichst wenig Grundwissen über empirische Forschung bei den Durchführenden voraussetzen. Darüber hinaus ist Selbstevaluation in der Regel nur praktikabel, wenn sie in die Alltagsroutine des Berufslebens der professionell Handelnden integriert werden kann. Die Durchführung von Selbstevaluationen zwingt folglich, wie viele Ansätze der Praxis- und Handlungsforschung auch, zu einer Gratwanderung zwischen einer diagnostischen Belastbarkeit – einschließlich der „möglichst weitgehenden" Erfüllung wissenschaftlicher Gütekriterien – einerseits und der für die praktische Anwendung essentiellen Gesichtspunkte von Handhabbarkeit, Flexibilität, Zugänglichkeit und Kosteneffizienz andererseits.

Je stärker die in einem Selbstevaluationsprojekt untersuchte professionelle Praxis bereits methodisch und fachlich organisiert und strukturiert ist, um so eher ist die Planung und Durchführung einer Selbstevaluation möglich. Und umgekehrt ist das hervorstechendste Resultat von Selbstevaluation eine verbesserte methodische und fachliche Organisation und Strukturierung der professionellen Praxis. Häufig werden Selbstevaluationen sogar ausdrücklich mit dem Ziel der Qualifizierung der Akteurinnen und Akteure in ihrem originären Handlungsfeld verbunden.

Nicht von ungefähr knüpft die Logik der Selbstevaluation deshalb an die Leitideen der rekonstruktiven („qualitativen") Sozialforschung („gesättigte" Empirie, subjektiv gemeinter Sinn der Beteiligten, Forschung als Kommunikationsprozess) sowie an die normativ-ethischen Grundprinzipien von Selbstbestimmung und Empowerment an.


1Fetterman, David M./Wandersman, Abraham (2005): Empowerment Evaluation Principles in Practice. New York: Guilford Publications.

2Kolb, David A. (1984). Experiential learning: Experience as the source of learning and development. Englewood Cliffs: Prentice-Hall.

3Preißer, Rüdiger (2007): Methoden und Verfahren zur Kompetenzbilanzierung im deutschsprachigen Raum. Wien: Österr. Institut f. Bildungsforschung.

4Spiegel, Hiltrud von (1994): Selbstevaluation als Mittel beruflicher Qualifizierung. In: Heiner, Maja (Hrsg.): Selbstevaluation als Qualifizierung in der sozialen Arbeit: Fallstudien aus der Praxis. Freiburg i. B., S. 11-55.